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Donnerstag, 20. Juni 2013

Ich habe ein Problem.

So, heute mal ein Beitrag aus der weiblichen Perspektive von mir als Gastbloggerin. Ich beginne gleich mit einer Selbstoffenbarung: Ich bin Diana, 23 Jahre alt und ich habe ein Problem. Ich bin süchtig nach einem Kinderspiel.

Meine Sucht ist beinahe so alt wie ich selbst, zumindest erinnere ich mich nur dunkel an eine Zeit, in der ich eine vergnügte, einfache Kindheit ohne Verlangen danach oder Verzweiflung darüber hatte. Jedes neue Release ließ mein Herz einen Takt aussetzen und insgesamt ist das Spiel wohl auch Schuld daran, dass ich stets schwitzige Hände hatte und deshalb lange Zeit in der Grundschule niemand mit mir Händchen halten wollte. Naja, nicht dass ich eine Hand frei gehabt hätte. Es ist meine allererste Gamer-Erinnerung und auch meine letzte. Egal welches Spiel ich in den letzten Jahren in die Hand nahm, keines konnte mich aus den Fängen dieses Ungetüms von zeitfressender Schönheit retten. Seit jeher spaltet es Spieler jedes Alters in drei verfeindete Lager. Aber auch wir hatten Startschwierigkeiten.




Pokémon is not for Sissies. Ich erinnere mich genau an mein erstes Spiel. Mein Cousin hatte mir seinen Gameboy während einer Familienfeier ausgeliehen und ich war sowohl fasziniert als auch ratlos. Woher weiß der Verkäufer, dass ich aus Alabastia komme und warum darf ich nichts kaufen? Wieso kann ich mein besiegtes Taubsi denn nicht mit einem Trank heilen?  Wie kann es sein, dass Professor Eich sich nicht an den Namen seines eigenen Enkels erinnert (ist das etwa die Tragik in diesem Spiel, die ich all die Jahre nicht verstanden habe? Steckt hier ein tieferer Sinn?)

Bis zur 6. Klasse war ich auf jeden Fall die Königin auf dem Pausenhof, der ungeschlagene Champ, obwohl meine damals beste Freundin Christina sich ein Bisasam als Startpokémon ausgesucht hatte und ich hatte ein strategisch unklug gewähltes Schiggy. Trotzdem: nichts konnte uns aufhalten. Mein Gameboy verbrauchte gerne mal 2 Packungen Batterien im Monat. Sogar im Auto zockte ich, obwohl mir regelmäßig übel wurde und ich mich sogar schon in den Nacken meines Großvaters übergeben hatte. Ich schlug meine Gegner mit Leichtigkeit, denn ich war ihnen haushoch überlegen. Christina hatte keine Chance (ob wir wohl deshalb nicht mehr befreundet sind?) und das sprach sich auch schnell bei allen anderen rum. Nur dann hörte es plötzlich auf.

Entgegen meiner Pokémon hatte ich mich wohl nicht weiter entwickelt. Mal ehrlich, ist es denn so widersprüchlich als pubertierender Jugendlicher Gameboy zu spielen? Bei Familienfeiern wurde ich schief angesehen, als ich der jüngeren Verwandschaft die Effektivität von Attacken erklärte. Ob ich mal gegen ihn spielen mag? Spielen ja, aber verlieren auf keinen Fall. Es ist doch nicht meine Schuld, dass er jetzt weint. Team Rocket hätte ihn auch nicht gewinnen lassen!

I like rainbows and stuff


Bald ging all mein Taschengeld für neue Konsolen und neue Spiele drauf. Ich zockte sie in wenigen Tagen durch, doch sobald ich der Champ war, legte ich sie wieder weg. Es reichte nicht, die alten Pokémon waren unnütz. Ich wollte wieder Anerkennung von dem Professor, ich wollte bessere Pokémon! Während jedes neuen Spielstarts traf mich meine Eitelkeit, wenn mir meine Mutter die Funktion meiner Turbotreter oder die Navigation in meinem Pokédex erklärte. Bitch, please! Ich mach das hier schon länger als du. Und übrigens: Der tolle Held, der euch vor 3 Jahren vor Team Rocket gerettet hat. Das war ich.

Auch heute noch hadere ich mit dieser Sucht. In schweren Zeiten spiele ich zwei Versionen gleichzeitig, nur für den Kick. Wenn ich eine Version mehrere Wochen weggelegt habe, muss ich sie neu anfangen, denn ich habe keine Erinnerung mehr an mein Team oder meine Strategie. Perfektionismus oder völliger Wahnsinn? Wer weiß. Manchmal geht es mir besser, da spiele ich fast gar nicht. Schlimm wird es nur auf Reisen oder auf dem Weg zur Universität. Meistens verstecke ich meinen Nintendo DS hinter einer braunen Papiertüte, damit niemand den Inhalt erkennt. Ich drehe Helligkeit und Ton runter und tue so, als würde ich im Zug aus dem Fenster sehen, heimlich drücke ich jedoch wiederholt A, A, A, A, A bei meinem Besuch im Pokémon Center.

Doch es gibt auch schöne Momente. Wenn man zum Beispiel jemanden trifft, der ein ähnliches Schicksal mit sich führt. Erst neulich habe ich im Zug ein Mädchen gesehen, das auf ihrem türkisen Gameboy Color die rote Edition gespielt hat. Wir haben uns angesehen und in diesem peinlichen Moment der Stille haben wir die Sucht des anderen verstanden. Es gibt sicher Hoffnung für uns. Eines Tages wird Pokémon Trainer ein anerkannter Beruf sein, vielleicht sogar ein Bachelor Studiengang, zusammen mit Pokémon Agrikulturwissenschaften oder Team Rocket Management. Bis dahin halten wir uns im Untergrund, versteckt vor spöttischen Blicken und warten auf die Revolution.


WeHeartIt

Kommentare:

  1. Diesen Beitrag könnte ich genauso unterschreiben wie er da steht - für mich :D
    Mir gehts ganz genauso!
    Zu Weihnachten als ich 6 war hab ich einen lilanen Game Boy Colour + die blaue Edition geschenkt bekommen. Der Start einer großen Liebe. :D
    LG Denise

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    1. Hey Denise,

      freut mich zu lesen! Ich hatte auch die blaue Edition :)

      Liebe Grüße,
      Diana

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    2. Das Problem damals war nur das meine Freundinnen das alles nicht interessiert hat und ich nur einen Kumpel zum tauschen hatte... ich hatte noch nieee alle Pokémon. *seufz* ;)
      LG Denise

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    3. Ich kenne das Problem! Aber für Menschen wie uns wurde das komplette Pokédex-System ab Schwarz und Weiß ja umgestellt. Jetzt musst du ein Pokémon nur noch gesehen haben, damit es in deinem Pokédex gezählt wird :) Das erspart einem auch die alberne Jagd nach all den schwachen Pokémon, die eh nur unnötig Platz in den Boxen weggenommen haben. Das wäre auch eine ausgezeichnete Idee für einen neuen Post: was die Macher von Pokémon seit rot/blau dazugelernt haben.

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